Skip to main content

Schwerins Domkantor Jan Ernst zieht mit seinem Orgelspiel und den Chören die Menschen in den Bann

Schwerin, September 2025. Sympathisch, aufgeschlossen, bescheiden und in sich ruhend – so kennen die Menschen Jan Ernst, den Kantor des Schweriner Doms. Doch sobald er an der Orgel sitzt, am Pult dirigiert oder mit dem Domchor ein neues Werk einstudiert, entfaltet sich sein ganzes Charisma. Mit einer unerschöpflichen Energie und leidenschaftlicher Hingabe wird jeder Takt, jede Quinte, jedes Crescendo und Pianissimo so lange geübt, bis es aus seiner Sicht dem Original am nächsten kommt. Manchmal scheint es so, als hätten die großen Meister dem Domkantor eine Botschaft aus dem Himmel gesandt, wie sie ihre Werke am liebsten hören möchten. Das gilt für Mozarts „Requiem“, Mendelssohns „Lobgesang“, Bachs Weihnachtsoratorium oder Händels „Messias“. Bei letzterem forderten im Februar dieses Jahres die Zuhörer in der Schweriner St. Paulskirche stehend eine Zugabe, die sie auch erhielten. Halleluja, das geschieht nicht oft bei geistlichen Konzerten.

Ein weiteres Werk, das tief berührt, ist das „Stabat Mater“ von Dvořák. Als es mit großem Orchester im Schweriner Dom erklang, war zu spüren, wie nach dem letzten Ton eine leuchtende Stille durch den Raum fließt. Selbst der Kantor hielt bewegungslos inne, seine Augen, sein Gesicht, sein ganzer Körper schienen zu sagen: Seht das Göttliche in der Musik, das uns alle in eine höhere Sphäre hebt.

Musik gibt mir unglaublich viel Kraft

„Musik, die mir gefällt, schenkt mir innere Wärme und löst Emotionen aus. Sie lässt mich zur Ruhe kommen, wirkt befreiend und kann mir unglaublich viel Kraft geben“, sagt Jan Ernst, geboren 1961 im ostfriesischen Leer. Obwohl er aus keiner rein musikalischen Familie stammt, wurde sein Leben doch von ihr geprägt. Sein Vater war Pastor, seine Mutter sang gern. Und so wurde die Musik schon früh zu einem Teil seiner Seele. „Irgendwann merkten meine Eltern, dass in mir ein musikalischer Funke schlummerte, und schickten mich frühzeitig zum Klavierunterricht. Ich liebte es, Klavier zu spielen und zu singen“, erinnert sich Jan Ernst. Als der Kantor einer großen Kirche in Norden einen Knabenchor gründete, war er sofort dabei. So wuchs er singend auf, getragen von der Kraft der Stimmen und der Freude am Musizieren.

Eines Tages suchte sein Vater für den Gottesdienst einen Orgelspieler. „Da ich Klavier spielen konnte, probierte ich es aus. Da war ich etwa zwölf Jahre alt. Bis zu meinem Studium hatte ich keinen formellen Orgelunterricht, sondern eignete mir alles selbst an“, berichtet Jan Ernst. Es waren die alten Orgeln, die ihn zum Studium der Kirchenmusik an die Musikhochschule Hamburg führten. Prägende Lehrer seines Studiums waren unter anderem Harald Vogel von der Norddeutschen Orgelakademie, Rose Kirn aus Hamburg und Hans van Nieuwkoop aus Amsterdam.

Kantor, Hochschullehrer und angesehener Organist

Als Kantor ist Jan Ernst für zwei große Aufgaben zuständig: Das ist das Spielen der Orgel während der Gottesdienste und Konzerte sowie das Singen in der Domgemeinde. Das gemeinsame Singen mit Menschen erfüllt ihn mit großer Freude. Deshalb betreut er Chöre der unterschiedlichsten Altersstufen und Genres – von Kindern bis zu Senioren, die Domkantorei und einen Pop-Projekt-Chor. In seinem Berufsleben ist es ihm wichtig, viel zu unterrichten. Als Orgellehrer bildet er im Schweriner Dom etwa 15 bis 20 ganz unterschiedliche Schüler aus. Seit über drei Jahrzehnten lehrt er auch als Professor für Orgel und Orgelimprovisation an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, gibt sein Wissen weiter und inspiriert eine neue Generation von Kirchenmusikern.

Als angesehener Organist hat er einen sehr guten Ruf und schon viele Konzerte im In- und Ausland gegeben. Welche Auftritte sind ihm besonders in Erinnerung geblieben? „Das sind vor allem die Momente, bei denen ich besonders aufgeregt war. So zum Beispiel vor etwa 30 Jahren, als ich im Leipziger Gewandhaus spielen durfte und 2024 in der Dresdner Frauenkirche. Da hat mich die Größe der Veranstaltungen doch nervös gemacht“, gesteht Jan Ernst. Zum Glück gebe es immer wieder Konzerte, bei denen er ganz entspannt spiele. So zum Beispiel in der kleinen Dorfkirche in Basedow, in der eine große barocke Orgel steht. Es komme ihm nicht auf die Größe des Instrumentes an, sondern auf die Atmosphäre des Raums und die dabei entstehenden Empfindungen.

Während seines Studiums in den 1980er Jahren geschah etwas Außergewöhnliches: Er wurde gebeten, seine Professorin bei einem Konzert in Italien zu vertreten. „Also bin ich nach Venedig gefahren und durfte dort an einer Orgel spielen. Das war aufregend und hat mich zugleich unendlich stolz gemacht.“ Eher zufällig wurde er etwas später an ein kleines privates Bach-Institut in der Nähe von Tokio vermittelt, um dort zu spielen. Es entwickelte sich ein Engagement, bei dem er Jahr für Jahr immer wieder dort orgelte sowie später Bach-Kantaten einstudierte und aufführte. Diese etwa zehnjährige Schaffenszeit war für ihn eine bedeutende Etappe.

Nacht der Chöre lässt den Dom erstrahlen

Mit der Domkantorei gestaltet Jan Ernst eine Vielzahl geistlicher Konzerte, Messen und Oratorien, die das Herz berühren. Eine der bedeutendsten Veranstaltungen ist die „Nacht der Chöre“, die er im Jahr 1998 ins Leben rief – eine Nacht voller Klang, Gemeinschaft und spiritueller Kraft. Seitdem ist sie zu einem leuchtenden Höhepunkt im Kulturkalender der Landeshauptstadt geworden. Alle zwei Jahre strömen Hunderte Sangesfreudige und begeisterte Zuhörer in den Dom, um gemeinsam die Schönheit der Stimmen zu erleben.

Dieses Jahr präsentierten 20 Chöre mit 730 Sängerinnen und Sängern ihre Stimmen auf der Bühne. „Auch die Besucherzahlen sind stetig gewachsen. Dieses Jahr erlebten wir einen regelrechten Ansturm. Wir konnten etwa 1.000 Karten vorab und an der Abendkasse verkaufen. Doch der Andrang war so groß, dass die Kassendamen noch mehr als 300 Ersatzkarten herausgeben mussten“, sagt Ute Rothacker, die als Mitglied im Kirchengemeinderat und Förderverein Musik im Dom e.V. maßgeblich die „Nacht der Chöre“ vorbereitet. Die Begeisterung, die in diesen Nächten spürbar ist, lässt den Dom in einem besonderen Licht erstrahlen.

Doch die diesjährige Veranstaltung hielt noch eine besondere Überraschung bereit: die Uraufführung der Motette „Ewiges Licht“, komponiert von einem Mitglied des Schweriner Domchors. „Ich habe das Stück in Gedenken an Albrecht geschrieben, eine Bass-Stimme, die Anfang dieses Jahres verstummt ist. Unser Chor hat die Motette unter Jan Ernst’ behutsamer Leitung mit so viel Hingabe in den Raum getragen, dass wir den Dom zum Glühen bringen konnten. Darüber bin ich sehr glücklich“, sagt Hannes Rollin, den diese Aufführung mit großer Dankbarkeit erfüllt.

Gottesdienste werden zum besonderen Erlebnis

„Ich bin unendlich dankbar, dass wir mit Jan Ernst einen Domkantor haben, der es auf so kongeniale Weise versteht, mit seinem Orgelspiel die Herzen der Menschen zu berühren. Seine Sensibilität und sein Können sind es, die dafür sorgen, dass unsere Gottesdienste stets zahlreiche Besucher anziehen. Denn, seien wir ehrlich: Würde nur meine Predigt allein Menschen in den Dom locken?“, schmunzelt Pastor Güntzel Schmidt. Erst die harmonische Verbindung von Wort und Musik mache den Sonntagmorgen im Dom zu einem besonderen Erlebnis.

Für Jan Ernst ist es ein unvergleichliches Gefühl, wenn er nur für sich spielen darf, frei von Erwartungen und Verpflichtungen. „In diesem Moment empfinde ich eine unglaubliche Befreiung. Schon als Kind war es für mich eine Freude, laut sein zu dürfen. Gibt es etwas Schöneres, als die Orgel in ihrer ganzen Pracht erklingen zu lassen?“, fragt er mit einem Lächeln. Der 64-Jährige, der am 31. Oktober 2025 in den Ruhestand treten wird, wünscht sich, dass trotz aller Sparmaßnahmen die Kirchen auch künftig Orte bleiben, an denen geistliche Konzerte lebendig und zugänglich sind. Den Grund dafür beschreibt er so: „Deus in musica. Musik ist die schönste Art, göttliche Botschaften zu vermitteln“, sagt er mit einem tiefen Glauben an die Kraft der Klänge. © Stephan Rudolph-Kramer